Befragung Eltern

Einführung

Medienerziehung, Medienkompetenzvermittlung und die Einübung von demokratischen Kernkompetenzen sind wichtige Aufgaben der Erziehung in Familien im 21. Jahrhundert. Im Rahmen unseres Projektes #Kinderrechte digital leben! sind Familien eine zentrale Zielgruppe, um „Mitsprache, wenn es um Medien geht“ zu ermöglichen. Ausgehend von der These, dass medienerzieherische Themen oftmals zwischen den Generationen Konflikte hervorrufen, sehen wir hier wichtige und alltagsnahe Anlässe, um zu lernen verschiedene Standpunkte miteinander abzuwägen, sich auf Augenhöhe zu begegnen und auf Basis der Kinderrechtetrias Entscheidungen zu treffen.

Untersuchungen im Bereich Familie und zur Achtung der Kinderrechte im Feld Medienerziehung deuten darauf hin, dass die Beachtung der Rechte von Kindern oftmals eine „Leerstelle“ ist. „Sie werden vielfach nicht oder kaum beteiligt und ihnen wird Entscheidungsfähigkeit abgesprochen.“, konstatiert Kutscher (2018: Kinder. Bilder. Rechte. Persönlichkeitsrechte von Kindern im Kontext der digitalen Mediennutzung in der Familie., S. 86). Nach unseren Erfahrungen trifft dies oft auch in den anderen Feldern zu, wo das Spannungsverhältnis zwischen Schutzrechten, Förderrechten und Teilhaberechten aufgrund von „Unzureichende[r] Informiertheit, Pragmatismus, Hilflosigkeit und Gewöhnung [dazu führen], dass Eltern ,quasi nebenbei‘ die Rechte der Kinder verletzten“ (ebd., S. 84), sie nicht beteiligen an Entscheidungen bezüglich Medien und die Schutzrechte als Argument für eine teilweise immense Beschneidung der anderen Rechte herhalten müssen. Verbietet man Heranwachsenden den Zugang zu digitalen Technologien und damit dem Internet, so schränkt man besonders ihre Rechte bezüglich Artikel 13 (Meinungs- und Informationsfreiheit), Artikel 17 (Zugang zu Medien) und Artikel 31 (Beteiligung an Freizeit, kulturellem und künstlerischem Leben) gemäß der UN- Kinderrechtskonvention ein.

  • Die Eltern-Erhebung als PDF zum Download:

Rahmenbedingungen

Von November 2020 bis Februar 2021 führten wir eine Online-Befragung mit Eltern zum Thema Medienerziehung und Kinderrechte durch. Insgesamt beteiligten sich 275 Personen, von denen 182 die Fragebögen mindestens zu Dreiviertel ausfüllten. Da wir uns in unserem Projekt auf die Zielgruppe der Kinder zwischen acht und zwölf Jahren fokussieren, haben wir 77 gültige Fragebögen ausgewertet, welche auf Kinder in dieser Alterskohorte abzielen. Falls Interesse an einer vertiefenden Auswertung aller Fragebögen besteht, nehmen Sie bitte Kontakt auf und wir können Ihnen die anonymisierten Bögen zur Verfügung stellen.

Das Durchschnittsalter der befragten Eltern liegt bei 41,8 Jahren. 90% der befragten Eltern stammen aus Thüringen. Akademiker*innen sind deutlich überrepräsentiert (77% gegenüber 27,8% in der Gesamtbevölkerung).

Die befragten Eltern zeigen nach Selbsteinschätzung insgesamt ein hohes Kompetenzniveau, was den Umgang mit und das Wissen über Medien angeht. 43% haben mittlere Kenntnisse und 49% hohe bis sehr hohe Kenntnisse über Medien. Nur 8% schätzen ihre Kenntnisse als gering ein.

Ausgehend von der Prämisse, dass die Haltung gegenüber Medien den Erziehungsstil beeinflusst, haben wir zu einigen Aussagen die Einstellung der Eltern erhoben.

 Einstellungen der Eltern (1 = lehne völlig ab, 10 = stimme voll zu)

Mittelwert

Modus

Median

Kinder sollten möglichst lange von digitalen Medien ferngehalten werden.

4,8

5

5

Digitale Medien bedrohen die gesunde kindliche Entwicklung.

4,9

5

5

Digitale Spiele sind reine Zeitverschwendung.

4,7

5

5

Kinder haben kein Bewusstsein für die Auswirkungen ihres Online-Handelns.

6,5

8

7

Medienkompetenz braucht man in allen Lebensbereichen.

8,5

10

9

glühbirneZeichenfläche

Medienkompetenz und deren Bedeutung für alle Lebensbereiche ist allen Eltern bewusst. Bei dieser Aussage wurde das Maximum der Skala (10 = stimme voll zu) am häufigsten gewählt. Spannend finden wir die Zustimmungen zum zugeschriebenen Bewusstsein der Kinder über ihr Handeln online. An dieser Stelle wird eine stärkere Polarisierung der Eltern untereinander deutlich, dies könnte aber auch an der Spannweite des Alters der betreffenden Kinder (8-12 Jahre) liegen. Immerhin spricht keines der befragten Elternteile seinem Kind jegliches Bewusstsein für die Auswirkungen ab. Wir sehen hier einen Hinweis auf die evolving capacities, d.h. die sich entwickelnden Fähigkeiten von Kindern, welche mit Blick auf jegliche medienerzieherischen Maßnahmen grundlegend berücksichtigt werden sollten.

Zugang zu den Medien - Teilhaberechte

Wie ist der Zugang des Kindes zum Internet geregelt bzw. organisiert?

Alle Kinder haben zu Hause Zugang zum Internet und können damit an der digitalen Welt teilhaben. Etwas mehr als ein Viertel der Kinder kann das Internet frei nutzen (WLAN ohne Einschränkungen) . Inwiefern hier die Schutzrechte des Kindes beschnitten werden oder die Eltern andere Wege (Förderung von Medienkompetenz) gefunden haben, lässt sich aus der Befragung leider nicht ableiten. 

39% der befragten Eltern nutzen zu Hause eine Jugendschutz- oder Parental Control-Software, um den Mediengebrauch ihres Kindes bzw. ihrer Kinder zu regulieren. Mehr als die Hälfte dieser Eltern nutzt Google Family Link. Die mitgelieferten Funktionen der Betriebssysteme (z.B. Android, Apple, Microsoft) sowie Einstellungen über den Router nutzen knapp ein weiteres Drittel derjenigen Eltern, die ihre Kinder mit technischen Schutzmaßnahmen begleiten. Weitere Produkte werden nur von sehr wenigen Befragten genutzt.

Nutzen Sie spezielle Kinderangebote?

0% der Eltern geben an, in ihrer Familie Messengerdienste für Kinder
zu verwenden.

Mehr als 4/5 der Eltern sagen, in ihrer Familie speziell auf Kinder ausgerichtete mediale Angebote zu nutzen. Was uns überrascht, ist, dass keines der befragten Elternteile bestätigt, spezielle Messengerdienste für Kinder zu verwenden. Auch mit Blick in die Gesamterhebung bleibt hier der Anteil bei 0%. Woran dies liegen mag, können wir nicht sagen. Eventuell liegt eine Begründung in der Marktdominanz von WhatsApp und/oder darin, dass diese speziellen Messenger den meisten Eltern nicht bekannt sind. Im Kontext kommunikationsbezogener Risiken bieten solche speziellen Kids-Messenger erhebliche Vorteile gegenüber etablierten Messengerdiensten.

Medienregeln - Beteiligungsrechte

Welche Bedeutung haben medienerzieherische Fragen in Ihrem (Familien-)Alltag?

91% aller befragten Eltern geben an, dass es in ihrer Familie Regeln zum Umgang mit Medien gibt.

Bei der Frage, wie schwer es ist, Einigung zwischen den Erziehungsberechtigten bei der Findung von Regeln zu erzielen, stellt dies für die überwiegende Mehrheit keinerlei Problem dar. Nur 5% finden dies sehr schwer. Auf einer Skala von 1 bis 10 (1 = nicht möglich; 10 = kein Problem) liegt das arithmetische Mittel bei 7,9 und der Median bei 9. Betrachten wir in diesem Zusammenhang nur die getrennt lebenden Eltern, so verschiebt sich das arithmetische Mittel auf 5,8. Dies stützt die These, dass Medienerziehung bei getrennt lebenden Eltern mehr konflikthaft ist als bei nicht getrennt lebenden.

Wie werden (Medien-)Regeln festgelegt?

38,6% der Eltern legen diese Regeln ohne das Kind und 61,4% gemeinsam mit dem Kind fest. Hier sehen wir noch deutlichen Ausbaubedarf hinsichtlich der Beteiligung von Kindern im Alltag. Nach unserer Erfahrung und auf Basis unserer Erhebung mit Kindern wissen wir, dass Kinder ein gutes Gefühl für die Risiken und Chancen von Medien haben. Kindern auf Augenhöhe zu begegnen und Sie in allen sie betreffenden Belangen einzubeziehen, ist ein Grundsatz der UN-Kinderrechtskonvention und Ziel unseres Projektes.

Bezüglich der Basis der Medienregeln lässt sich feststellen, dass die überwiegende Mehrheit der Befragten diese intuitiv („Aus dem Bauch heraus“ = 31%) oder gemeinsam mit dem Kind (davon die Hälfte auf Basis von Informationen aus TV, Zeitungen, Blogs, Elternabenden) festlegt. Nur 7% der Teilnehmenden erstellen Medienregeln auf Basis eines Leitfadens – etwa dem Mediennutzungsvertrag. Eine Person gibt zudem an, dafür die Hilfe einer Beratungsstelle in Anspruch genommen zu haben.

Auf welche Geräte beziehen sich die Regeln?

Bei der Frage nach den spezifischen Endgeräten, auf die sich die Regelungen beziehen, werden überwiegend Smartphone, Spielkonsole, Tablet und Laptop genannt. Regelungen für Smartspeaker (28%), portabele Konsolen (35%) und Smartwatches (6%) sind deutlich weniger vertreten. Inwiefern es möglicherweise Regelungen für die letztgenannten Geräte bedarf, ist zu diskutieren. Mit Blick auf das Kinderrecht auf Schutz der Privatsphäre könnten Smartwatches ein Risiko darstellen.

Wer entscheidet hinsichtlich der Medienregeln zu...

In den Familien der Teilnehmenden haben Kinder allgemein ein hohes Maß an Mitbestimmung, wenn es um Medien geht. Ein hoher Prozentsatz wird in Entscheidungen eingebunden oder darf sogar alleine entscheiden. Beim Thema Nutzungszeiten entscheiden 38% der Erwachsenen über die Köpfe der Kinder hinweg. Dies könnte an dem hohen Konfliktpotenzial liegen und der Sorge, dass das Kind einer Gefährdung durch Medienabhängigkeit ausgesetzt ist. Nach unserer Erfahrung haben die meisten Kinder ein gutes Gespür für Dauer der Mediennutzung und wollen meist nicht so viel Zeit vor den Geräten verbringen. Hier sehen wir noch mehr Potenzial zur Einbindung von Kindern in Entscheidungsprozesse.

Bei getrennt lebenden Eltern aufwachsende Kinder finden in den verschiedenen Haushalten verschiedene Regeln vor. Bei keinem der zwölf befragten Elternteile, welche getrennt leben und Medienregeln in ihrem Haushalt haben, waren die Regelungen identisch.

 

Für wen gelten die Regeln?

In 55% der Haushalte nur für das Kind, in 31% für alle im Haushalt lebenden Personen und bei 14% der Haushalte auch für die Gäste. Spannend für uns sind insbesondere die Nennung der konkreten Regeln in den Haushalten. Die meisten genannten Regeln beziehen sich auf Nutzungszeiten, dicht gefolgt von der Regel „Kein Handy bei den Mahlzeiten“, welche meist für alle Familienmitglieder und Besucher*innen gilt. Einige Befragte nannten ebenfalls konkrete Regeln, welche auf Medien als Erziehungsmittel hinweisen. Meist geht es um Mediennutzung im Tausch für die Erledigung häuslicher Aufgaben.

Ausgewählte Zitate zu den Regeln

Regeln, die für alle im Haushalt lebenden Personen gelten: 

Regeln, die für Gäste gelten:

Bei der Analyse der geschilderten Regeln wird sehr deutlich, dass die meisten Regelungen sich offensichtlich auf andere Kinder, aber nicht auf andere Erwachsene beziehen.

Wie klären Sie Ihr Kind über den Umgang mit Medien und Medieninhalten auf?

Alle befragten Eltern klären ihr Kind zum Thema Medien auf. 99% nutzen dafür persönliche Gespräche, 68% auch andere Möglichkeiten, um dem Thema Medienerziehung gerecht zu werden. Dabei sind Informationsmaterialien und Informationsveranstaltungen wichtige Quellen. Im Rahmen unseres Projektes planen wir sowohl Informationsmaterialien zu veröffentlichen als auch Informationsveranstaltungen bzw. Eltern-Kind-Workshops anzubieten. 

Bezüglich der Mitbestimmung von Heranwachsenden freut es uns, dass 14% der Eltern die Informationssuche auf das Kind übertragen und sich dessen Rechercheergebnisse anschließend erläutern lassen. Hier sehen wir stark die Förder- und Mitbestimmungsrechte der Kinder angesprochen. Auf die offene Frage, welche Möglichkeiten sonst noch genutzt werden, wird einmal geantwortet, dass Medien aktuell Thema im Unterricht sind und dass Fragebögen von Klicksafe verwendet werden.

Kinderrechte und Medien

Kennen Sie die Kinderrechte?

Die Kinderrechte sind 88% der Befragten mindestens etwas bekannt. Welche Rechte dies genau betrifft und wie diese in den Familienalltag einfließen, lässt sich nicht ableiten. 12% der Befragten kennen die Rechte nur wenig bis gar nicht. Es zeichnet sich der Bedarf ab die UN-Kinderrechtskonvention bekannter zu machen.

Haben Sie Kinderrechte in der Medienerziehung des Kindes berücksichtigt?

 

bewusst berücksichtigt

unbewusst berücksichtigt

nicht berücksichtigt

Recht auf Privatsphäre

49%

36%

15%

Recht auf Spiel und Freizeit

57%

37%

5%

Recht auf Bildung

76%

20%

4%

Recht auf Beteiligung und Mitsprache

65%

31%

4%

Recht auf Schutz

78%

14%

8%

Recht auf Meinungs- und Informationsfreiheit

52%

36%

12%

Recht auf gesundes Aufwachsen

67%

25%

8%

Recht auf Zugang zu den Medien

62%

31%

7%

Recht auf Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit

28%

39%

32%

Mit Blick auf die vorliegende Tabelle stellen wir fest, dass die meisten Erwachsenen bewusst und/oder unbewusst einen Teil der Kinderrechte auf die Medienerziehung übertragen konnten und diese anwandten. Fraglich ist, inwiefern die Kinderrechte seitens der Erwachsenen interpretiert wurden. So geben nur 5% an, dass sie das Recht auf Spiel und Freizeit nicht berücksichtigt haben. In Einklang mit dem General Comment #25 betrifft dieses Recht auch digitale Spiel- und Freizeitmöglichkeiten. Unserer Erfahrung nach stehen relativ viele Erwachsene diesen kritisch gegenüber, sodass das Ergebnis überrascht. Möglicherweise wurde bei der Beantwortung der Fragen vor allem an Spieleaktivitäten offline gedacht.

Welche Angebote wünschen sich Eltern für sich und für ihre Kinder?

Um die Angebote unseres Projekts gemäß der Bedarfe der Zielgruppe anpassen zu können, boten wir den Befragten am Ende des Fragebogens die Möglichkeit Wünsche für sich und für ihre Kinder zu formulieren. Wir haben diese Wünsche zu Themenbereichen zusammengefasst und möchten hier einen Einblick geben.

Angebote für Eltern

Von 80 Eltern, die die offene Frage ausgefüllt haben, wünschen sich mehr als die Hälfte (56) Angebote, bei denen die Wissensvermittlung rund um Medien und medienerzieherische Herausforderungen im Mittelpunkt stehen.

Wie man sein Kind schützen könne, wurde am zweithäufigsten (44) genannt. Was uns besonders mit Blick auf unseren Projektansatz und die Kinderrechtetrias freut, ist der Umstand, dass sich 21 Eltern das Thema Befähigung und 16 das Thema Teilhabe vertiefend in Eltern-Workshops wünschen.

Die Formate, welche sich die Eltern wünschen sind sehr verschieden. Online Workshops, Vorträge, Eltern-Kind-Expert*innen-Workshops sowie Austauschgruppen für Eltern untereinander sind alle vertreten.

Angebote für Kinder

Die befragten Eltern wünschen sich die Vermittlung von Medienkompetenz sowohl von der Grundschule als auch teilweise von der Kita. Thematisch sind für viele die Prävention von medienbezogenem Suchtverhalten sowie der Schutz der Daten weit oben auf der Agenda. 

Spannend – und im Einklang mit dem General Comment #25 zu Kinderrechten in der digitalen Welt – finden wir, dass sich viele Eltern eine Balance zwischen Medien- und Offline-Aktivitäten wünschen.

Katze_Rechner

Sie möchten einen noch  genaueren Blick in unsere Erhebung werfen?

  • Bei Bedarf lassen wir Ihnen die vollständige Tabelle der Antworten zukommen. Nehmen Sie gerne Kontakt zu uns auf! 
  • Den vollständigen Fragebogen können Sie hier downloaden:

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Anschrift
Der Kinderschutzbund Landesverband Thüringen e.V. #Kinderrechte digital leben! Johannesstr. 2 99084 Erfurt